Holger Banse "Quadratur des Kreises"

Holger BANSE, Leserbrief „Quadratur des Kreises“, in: Deutsches Pfarrerblatt, Heft 2/2014, 114. Jahrgang, Seite 96; als Antwort auf Dirck Ackermann, DpfBl 1/2014, 42ff „Ein Weg in Loyalität und Freiheit“
 

Einmal mehr versucht Ackermann als Vertreter der Evang. Militärseelsorge davon zu überzeugen, dass dieselbe in kritischer Solidarität mit der Bundeswehr und den Soldaten arbeitet. Aber warum eigentlich? Alle vorherigen Versuche der vergangenen Jahrzehnte, so auch der vorgelegte Beitrag, scheinen doch in sich schlüssig und überzeugend.

Und doch: Bleiben nicht tief im Inneren eines Menschen, der biblisches Zeugnis als für sein Handeln wesentlich ansieht, ein scheinbar unlösbarer Zwiespalt und darum ein Unbehagen?

Unbestritten arbeitet der Militärseelsorger in kirchlichem Auftrag. Aber was heißt das? Ist das Verhältnis Kirche (gleich welcher Konfession) - Staat immer unbestritten, nicht oft aber ein wenig seliges gewesen? Und der Kirche Verhältnis zu Militär, Armee oder wie auch immer man es nennen mag? Haben ihre Geistlichen oft nicht wenig kritisch »begleitet«, wo und wohin und wie auch immer, und war ihre Loyalität und Solidarität mit der Obrigkeit manchmal nicht größer als der Gehorsam gegenüber dem Wort Jesu? Bis heute ist mir z.B. eine kritische Aufarbeitung der kirchlichen Kriegshilfe in Person der Feldgeistlichen während des 2. Weltkriegs nicht bekannt.(1)

Ackermann hat auf der einen Seite Recht. Er und die anderen arbeiten in kirchlichem Auftrag. Und wem diese Argumentation reicht, der mag sich zufrieden und beruhigt zurück lehnen. Wenn es da nicht das Tötungsverbot aus dem Zehn-Wort gäbe und auch nicht das Gebot zur Feindesliebe aus der Bergpredigt. Das Gebot, Jesu Wort und kirchlicher Auftrag, wie verhalten sie sich zueinander? Also: mag der Hinweis auf den kirchlichen Auftrag unbestritten sein, diese Frage aber müsste »radikaler«, also grundlegender, d.h. für mich biblisch, betrachtet werden. Und die Antwort kann einem schon den Schreck in die Glieder fahren lassen (wie so häufig, wenn wir kirchliches Handeln mit jüdisch-christlich-biblischem Zeugnis vergleichen).

Ein weiterer Punkt: Sicher - wer mag das bezweifeln - ist den Militärgeistlichen die Unabhängigkeit ihrer seelsorgerliehen Tätigkeit von staatlichen Stellen gewährleistet. Aber wie lässt sich das in der Praxis durchhalten? Wer kann sich, wenn er äußerlich in militärischen Strukturen arbeitet, auch innerlich davon lösen? Wer das soldatische Leben in der Kaserne oder bei Übungen (geschweige denn im Einsatz) kennt, weiß, wovon ich rede. Wer ins Wasser fällt, muss schwimmen, sonst geht er bei aller Freiheit, die er selbstverständlich hat, unter.

Trotz aller »richtigen« Sätze Ackermanns bleibt eine weitere Aussage Jesu zu bedenken, nämlich die, dass niemand zwei Herren dienen kann. Und dass diese Quadratur des Kreises oftmals nicht gelingt, wird ja im Verlauf des Aufsatzes deutlich, wenn es um die »ungestörten Trauerfeiern« geht. Gilt nicht hierfür wie für jeden Sonntagsgottesdienst der Art. 4,2 GG?

Das Dilemma ist (und darum bleiben kirchliche Antworten in überkommenen staatstreuen Strukturen Illusion), dass in diesem Kräftefeld drei Wirklichkeiten miteinander kollidieren, nämlich das biblische Wort, der Auftrag der Kirche und das Interesse des Staates.

Pfarrer Holger Banse, Adenau

Anmerkung:

(1) Hier verweise ich auf meinen Aufsatz »Im Schatten des militärischen Erfolgs. Kirchliche Kriegshilfe am Beispiel der Feldprediger bei der Division Edelweiß« oder www.stiftung-sozialgeschichte.de

 

 

 

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