Militärbischof Sigurd Rink redet viel vom Frieden, vom Frieden, vom Frieden ... und meint doch Krieg (frei nach Jeremia 6,14)

Er meint, dass Krieg manchmal leider ausnahmsweise doch sein muss. Unten der Text seiner Andacht auf hr2-Kultur, Evangelische Morgenfeier, 23.03.2014. Militärbischof Rink will uns mit solchen "Friedensworten" auf den nächsten Krieg (Auslandseinsatz) vorbereiten.

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Nie wieder Krieg! Aber wie?

Ein evangelischer Beitrag hundert Jahre nach dem Ersten Weltkrieg "Nie wieder Krieg!": So lautete das Motto der Menschen, die die Katastrophe des 3. Reiches 1945 überlebt hatten.

"Nie wieder Krieg!": Darin waren sich alle Menschen guten Willens über alle Parteigrenzen und Konfessionen hinweg einig. Ob Kommunist, Sozialdemokratin oder Liberaler, ob evangelisch oder katholisch, ob Mann oder Frau, ob jung oder alt: Krieg sollte nach Gottes Willen nie wieder sein. Das war angesichts der Trümmerberge in Deutschlands Städten nur zu verständlich. Frankfurt, die Stadt der "kleinen Gässchen", lag in Schutt und Asche. Darmstadt, die liebliche Residenz, war vollständig zerbombt. Kassel, die Perle Nordhessens, war zu über neunzig Prozent zerstört. Gießen, die alte Universitätsstadt, hatte kein Zentrum mehr und keine Stadtkirche. Ganz zu schweigen von den menschlichen Verlusten. Frankfurts große jüdische Gemeinde war entweder ermordet oder wurde ins Exil vertrieben. Die jungen Männer waren im Krieg geblieben: vermisst, gefallen. Wenn sie heimgekehrt waren, waren sie oft traumatisiert. In diesem Jahr passt die Kriegserinnerung noch in ganz anderem Sinne. 1914 - 2014; wir gedenken des Ausbruchs des ersten Weltkriegs, der im Sommer vor 100 Jahren geschah. Die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, wie ein Historiker einmal sagte. Damals, 1914, war die Stimmung eine ganz andere. Viele junge Menschen zogen begeistert in den Krieg, ja, es gab eine regelrechte Kriegshysterie. Viele ließen sich freiwillig einberufen, wollten dem Vaterland dienen, besonders gegen den sogenannten "Erbfeind", die Franzosen, jenseits des Rheins. "Mit Gott und Vaterland" stand auf den Gürtelschlössern zu lesen. Ja, sogar Gott und Religion und Glaube wurden instrumentalisiert für das Ziel, andere Völker zu unterwerfen. Der Dreck und Schmutz der Schützengräben in den Ardennen, die Kälte und der Hunger, die Massenvernichtung mit Schnellfeuerwaffen und Giftgas: all das wurde sogar romantisiert. "In Stahlgewittern" hatte man sich zu bewähren. Der moderne, dekadente, verweichlichte Mensch sollte in diesem Krieg wieder zu seiner wahren Bestimmung und Sinnerfüllung kommen. Europa war ein Schlachtfeld. Bis vor ein paar Wochen hätte man mit ein paar Scheuklappen glauben können: Das ist doch alles längst vorbei! Wir leben doch in Westeuropa nun bald siebzig Jahre in Frieden. Wir haben die Europäische Gemeinschaft, die NATO, das Ende des Kalten Krieges, und aus dem Erbfeind Frankreich ist längst unser enger Verbündeter und Freund geworden. Wir haben eine gemeinsame Währung, den Euro, und die Grenzen sind doch längst geöffnet. Aber es gibt gerade in diesen Wochen aktuelle Anlässe, um über militärische Konflikte und Wege zum Frieden nachzudenken, auch in Europa. Das Gedenken an den ersten Weltkrieg ist also mehr als düstere Erinnerung. Mehr als Gedanken von Menschen, die historisch interessiert sind. Es ist Teil unserer Gegenwart und kann helfen, Gefahren heute zu erkennen und ihnen zu begegnen. Kratzt man ein wenig an dem dünnen Lack, der in siebzig Jahren äußeren Friedens gepinselt worden ist, wird schnell deutlich, dass es um einen wirklichen, umfassenden, gerechten Frieden noch gar nicht so gut bestellt ist. Die ersten Anzeichen der Verletzlichkeit des Friedens zeigten sich wohl in den Ereignissen um den 11. September 2001. Nach dem Ende des Kalten Krieges hofften alle auf eine lange anhaltende Friedenszeit. Doch dann kamen die brutalen und skrupellosen Attentäter des 11. September, die Passagiermaschinen mit unschuldigen Menschen zu Waffen umfunktionierten. Dadurch ist eine neue Dimension des bewaffneten Konflikts neu entstanden. Darauf folgten der Krieg im Irak, die Besetzung Afghanistans, der Kampf gegen Al-Quaida, der auch mit  nbemannten Drohnen geführt wird. Die Gewalt eskalierte auf allen Ebenen. Nun könnte man vielleicht naiv meinen: All das ist weit weg und hat doch mit Europa nichts zu tun. Wer hinsieht, erkennt bald: Erstens ist Europa eng mit den Krisenregionen verbunden. Man denke an das Flüchtlingselend auf Lampedusa und die wachsenden  Flüchtlingsströme etwa aus Syrien nach Deutschland. Deutschland beteiligt sich in Afghanistan mit militärischem Einsatz und bei Blauhelm-Missionen in Krisengebieten. Zweitens ist Europa auch vor Krisen und Kriegen nicht gefeit. Der Balkankrieg und die jüngsten Ereignisse in der Ukraine und auf der Krim sprechen da eine deutliche Sprache. Wie können wir uns also verstärkt um einen echten, wirklichen, dauerhaften Frieden bemühen? Wer dem Frieden dienen will, muss erst einmal ein Ziel vor Augen haben. Was ist das überhaupt: Frieden? Welchem Ziel jage ich nach? Was will ich erreichen? Obwohl viele Schriften der Bibel schon zweitausendfünfhundert Jahre alt sind, können sie ein guter Ratgeber sein. Denn die Bibel hat eine genaue Vorstellung davon, was sie unter Frieden versteht. Frieden im biblischen Sinne meint viel mehr als die Abwesenheit von Krieg. Mehr als die "pax romana", von der die alten Römer träumten. Das war ja ein Frieden unter der Oberherrschaft von Rom, ein Frieden einer Besatzungsmacht. Frieden heißt "Schalom" in der hebräischen Bibel. Er meint umfassendes Wohlergehen, Gemeinschaft, Treue zueinander. Deswegen ist das Leitbild des Friedens schon bei den Propheten des Alten Testaments der "gerechte Friede". Der Prophet Jesaja kann davon sprechen, dass "Frieden und Gerechtigkeit sich küssen". Was für ein schönes Bild. Es geht in der Bibel also immer darum, dass Frieden und Gerechtigkeit zusammengehören. Wo Frieden herrscht, da kann auch Gerechtigkeit wachsen; und umgekehrt: Wahrer Friede herrscht erst in einer gerechten Gesellschaftsordnung.  Wie wahr dieses Leitbild eines gerechten Friedens ist, kann man dort beobachten, wo zwar äußerlich kein Krieg ist und dennoch  eine Gesellschaft völlig gespalten ist.  Zum Beispiel in der Republik Südafrika, wo der Tod Nelson Mandelas die Menschen weltweit bewegt hat. Äußerlich herrscht dort  Frieden. Oder sagen wir zumindest: kein Krieg. Innerlich aber ist diese Gesellschaft zutiefst gespalten. Die Unterschiede zwischen arm und reich sind so groß, dass kein Friede wachsen will. Auf der  einen Seite sind da die immer noch weißen "gated communities": Abgeschirmte, abgezäunte und bewachte geschlossene Siedlungen mit Blick auf den Ozean, wo es sich die wenigen Reichen unter sich gut gehen lassen. Wenige Meter weiter hausen die Menschen anderer Hautfarbe, black, coloured, in sogenannten Townships,  Blechhütten, unter unwürdigsten Bedingungen. Hier der Porsche Cayenne vor der Haustür, dort Maisbrei morgens, mittags und abends. Hier tolle Jobs - dort Massenarbeitslosigkeit, besonders unter Jugendlichen. Und das zwanzig Jahre nach dem Ende der partheid. So kann kein Frieden wachsen. Wo Gerechtigkeit und Frieden sich nicht küssen, wächst auch  nicht zusammen, was zusammen gehört. Dass Frieden und Gerechtigkeit zusammenkommen, dafür gibt es keine einfachen Lösungen.  Schön wäre es ja, wenn man mit dem  Finger schnalzen könnte und - schwupp - die Welt hätte sich verwandelt in eine friedliche und gerechte Welt. Doch es geht um einen mühsamen,  langsamen, allmählichen Weg, den man am besten Schritt für Schritt bestreitet. Dieser Weg ist immer wieder gefährdet, zerbrechlich, fragil. Aber es gibt auf  diesem Weg zu mehr Frieden ein paar Wegmarken, die die Orientierung erleichtern. Eine Wegmarke heißt: Beteiligt sein, partizipieren können. In unserer Gesellschaftsordnung würden wir auch sagen: Demokratie. Es gibt nichts Schlimmeres für Menschen, als wenn sie unbeteiligt, ohnmächtig und hoffnungslos zuschauen müssen. So wie die Jugendlichen am Straßenrand von Kapstadt, die darauf warten, dass ihnen jemand einen Job für einen Tag gibt. Hilfe zur Selbsthilfe kann ein Weg  sein, dass man sich mehr beteiligen kann. Es gibt zum Beispiel eine kleine Entwicklungshilfeorganisation, die nichts anderes macht, als in den Notstandsgebieten Afrikas Fahrräder zu bauen und zu verteilen. Das mag auf den ersten Blick lächerlich und banal klingen. Es ist aber eine geniale Idee. Menschen werden mobil. Jugendliche können ihre weit entfernte Schule  erreichen. Mit dem Fahrradkurier kann ich Botendienste übernehmen und mir so ein paar Cent erarbeiten. Ja, mancherorts sind die Räder sogar eine Art Krankenwagen, der die Menschen zur nächsten Krankenstation karrt. Eine andere Wegmarke ist Bildung. Es muss ein funktionierendes Schulsystem geben, auch für Mädchen. Man kann über den Bundeswehreinsatz in Afghanistan vieles Kritisches sagen. Und doch gibt es wenigstens einige Bereiche des öffentlichen Lebens, die sich in Afghanistan sichtbar verändert und verbessert haben. Dazu gehören das Gesundheitswesen und die Schulgründungen. Wo keine elementare Bildung ist, wächst die Verzweiflung. Ein Mädchen, das  nicht lesen und schreiben, nicht rechnen kann, wird später auch kaum Chancen haben, einen guten Bildungs- und Berufsgang zu  nehmen. Da ist von der internationalen Gemeinschaft Großes geleistet worden. Ich hoffe nur, dass der bevorstehende Rückzug so geschieht, dass die Verbesserungen wirklich nachhaltig sind und dass das Land nicht kurze Zeit später wieder im Chaos versinkt. Für den Frieden kann Entwicklungszusammenarbeit viel Gutes erreichen. Deshalb vertrauen auch sehr viele Menschen in Deutschland darauf und spenden etwa für Brot für die Welt oder Misereor. Aber es bleibt die Frage: Darf man in der allergrößten Not auch auf den Frieden hinwirken mit militärischen Mitteln? Oder muss man sich auf gewaltfreie Methoden begrenzen? Daran scheiden sich die Geister. Die einen beziehen sich auf eine lange und gute christliche Tradition und argumentieren mit der Gewaltfreiheit der Bergpredigt: "Selig sind die Friedensstifter, denn sie sollen Gottes Kinder heißen." (Matthäusevangelium, Kapitel 5) Die anderen argumentieren eher aus einer Verantwortungsethik heraus und sagen: Es kann Situationen geben, in denen sogar  militärische Gewalt nicht zu umgehen ist. Diesen Konflikt gibt es zum Beispiel bei der Frage: Soll die internationale Gemeinschaft und mit ihr auch Deutschland in der  Zentralafrikanischen Republik militärisch eingreifen? Dort ist der Staat im Chaos versunken und die Entwicklungshilfeorganisationen sagen: Wir können dort nicht  mehr hin, wir gefährden sonst unsere Mitarbeitenden. Muslime töten Christen - und Christen töten Muslime: ein furchtbares tödliches Gegeneinander der Religionen! Sollten sich andere Staaten dort heraus halten - und die Menschen in ihrer Not allein lassen? Oder ist als allerletzter Weg sogar militärische Gewalt zur Trennung der Konfliktparteien unumgänglich? Der Bundespräsident, die Bundesregierung haben an dieser Stelle klar für mehr internationale Verantwortung unter deutscher Beteiligung plädiert - doch die Mehrheit der Deutschen ist da sehr skeptisch. Die Evangelische Kirche hat zweitausendsieben eine Friedensdenkschrift veröffentlichti, die viel  beachtet wurde. Und gerade hat sie zu Afghanistan Stellung genommen. In beiden Schriften sagt die Evangelische Kirche: Es kann militärische Gewalt im äußersten Notfall geben. Aber sie bindet diese Gewalt an wichtige und zahlreiche Bedingungen. So muss zum Beispiel ein Mandat der Vereinten Nationen vorliegen. Und es darf nie nur das Militär sein, das regiert, sondern die Friedensmission muss begleitet sein von zivilen Akteuren, die Institutionen, Recht, Schulen, ärztliche Versorgung wieder aufbauen. Mit dem großen Ziel, auf den gerechten Frieden zuzulaufen. Das ist nicht nur eine Sache für Bundestag oder Regierung. Frieden stiften beginnt da, wo man sich an das Grauen der  Weltkriege erinnert und sagt: Nie wieder. Da, wo ich entdecke, was ich vielleicht auch in der Nähe dafür tun kann, dass Frieden und Gerechtigkeit zusammen finden. Auf dass diese Welt hoffentlich friedfertiger wird und wir uns im Sinne Jesu als Friedensstifter erweisen.
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