Prof. Dr. Heinrich Missalla "Wie der Krieg zur Schule Gottes wurde. Hitlers Feldbischof Rarkowski" (1997)

'Wenn heute in über 40 Staaten eine katholische Militärseelsorge mit einigen tausend haupt- und ehrenamtlichen Militärgeistlichen - in fast allen Staaten mit Offiziersrang - eingerichtet ist, dann müsste die Kirchenleitung sich eigentlich bewusst sein, dass diese Staaten - nicht zuletzt als Gegenleistung für die investierten Gelder - erwarten, dass die Militärseelsorge die Institutionen Militär und Staat stabilisiert und die Auftragserfüllung der Streitkräfte ebenso unterstützt wie ihre Kampfkraft. Es ist nicht zu erkennen, dass über dieses Thema in der katholischen Kirche - ausser in einigen kleinen Gruppen in Deutschland - diskutiert wird, obwohl die Problematik der Verflechtung von staatlichen und kirchlichen Interessen und die Gefahr einer Indienstnahme der Kirche durch Staat und Militär - nicht nur in einigen Staaten Latein- und Mittelamerikas offenkundig ist." (Aus:Heinrich Missalla, Wie der Krieg zur Schule Gottes wurde.Hitlers Feldbischof Rarkowski.Oberursel 1997, Seite 119) >>> Vollständige Text, siehe unten!

Prof. Dr. Heinrich Missalla

geboren 1926 in Wanne-Eickel, ab 15.2.1943 Luftwaffenhelfer, ab 1.7.1944 Soldat, vom 27.3.1945 bis 3.6.1946 Kriegsgefangenschaft unter anderem in Chartres ("Seminar hinter Stacheldraht"), 1947-53 und 1964-68 Studium der Philosophie, Theologie und Pädagogik in Paderborn, München und Münster, 1953 Priesterweihe in Paderborn, 1953-59 Seelsorger in verschiedenen Gemeinden, 1958-68 Religionslehrer an einer Berufs- und Handelsschule, Fachleiter am Staatlichen Studienseminar Gelsenkirchen, 1969 Promotion zum Dr. theol. in Münster mit einer Arbeit über das Weltverständnis im Religionsunterricht an Berufsschulen, 1969-71 Dozent an der PH Koblenz, 1971 Berufung zum Professor an der PH Ruhr, Abtlg. Essen, ab 1972 an der Universität GH Essen ... Mitglied des Bensberger Kreises sowie langjähriges Mitglied des Präsidiums von Pax Christi, Mitherausgeber von Publik-Forum seit 1982, Publikationen zu theologischen, religions- und friedenspädagogischen Fragen ...

Heinrich Missalla: „Wie der Krieg zur Schule Gottes wurde - Hitlers Feldbischof Rarkowski - Eine notwenige Erinnerung“ Publik-Forum-Verlag Oberursel, 1997, ISBN 3-88095-086-5, Seite 116-119 [Von den Betreibern dieser Website auf die neue Rechtschreibung umgestellt]

Kapitel: „Fragen, die auf Antworten warten“

Wer ist verantwortlich für die Militärseelsorge?

Die Frage nach der Verantwortlichkeit gilt sowohl dem Problem der personellen Besetzung in diesem außerordentlich schwierigen Seelsorgebereich als auch dem grundsätzlichen Problem einer institutionalisierten Militärseelsorge.

Abgesehen von der Tatsache, dass der theologische Bildungsstand des Feldbischofs nur als ausgesprochen dürftig zu bezeichnen ist, waren auch seine oft pathetische Sprache und die Verworrenheit seiner "Gedanken", die Banalität seiner langatmigen Ausführungen und seine Deutschtümelei Gründe dafür, dass viele Pfarrer seine Rundschreiben abgelehnt haben. Rarkowski war in seiner intellektuellen Unbedarftheit wohl eher mitleiderweckend als empörend. Sein schlichtes Gemüt und seine naive Frömmigkeit sind als persönliche Eigenschaften - zumal eines älteren Menschen - zu respektieren. Doch es ist schwer zu verstehen, dass ein Mann mit derart offenkundigen Unzulänglichkeiten mit so anspruchsvollen Aufgaben betraut worden ist, wie sie das Amt eines Militärbischofs - zumal in einer Diktatur - nun einmal mit sich bringt. Die Frage muss erlaubt sein, was die für die Ernennung Rarkowskis zum Feldbischof verantwortliche(n) vatikanische(n) Behörde(n) zu ihrer Entscheidung bewogen hat. Nach dem damals gültigen Kirchenrecht musste der zu Wählende oder zu Nominierende die vom kanonischen Recht geforderte Qualifikation besitzen, die vor der Übertragung des Amtes in einem besonderen Verfahren, dem sog. Informationsprozess, zu prüfen und festzustellen war. Das Urteil über die Geeignetheit stand ausschließlich dem Apostolischen Stuhl zu. Zu den geforderten Eigenschaften gehörten u. a. "gute Sitten, Frömmigkeit, Seeleneifer, Klugheit, überhaupt die Eigenschaften, die den Kandidaten gerade für die betr. Diözese geeignet erscheinen lassen“. Mit welchem Recht hat die römische Kurie den Soldaten und ihren Angehörigen einen Mann wie Rarkowski als Bischof zugemutet?

Eine weitere Frage drängt sich auf: Wem sind die vatikanischen Behörden im Fall Rarkowski - wie auch bei jeder anderen Ernennung - Rechenschaft schuldig? Die römische Praxis scheint dem von Jesus abgelehnten Gebaren von "Herrschern" und "Mächtigen" verwandt zu sein, die nach eigenem Gutdünken handeln (vergleiche Mt 20,25); seine Weisung hingegen "Bei euch soll es nicht so sein", die eine alternative Praxis anzielt und das alt eingefahrene Schema von oben und unten, Herrschaften und Untergebenen, Lehrern und Belehrten usw. zugunsten einer Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern überwinden will (vergleiche Mt 23,8-11), zeitigt zumindest in diesem Bereich kirchlichen Lebens kaum Wirkung.

Welche Bedeutung hatten für die vatikanischen Beamten die Menschen, zu denen ein Mann wie Rarkowski als verantwortlicher Seelsorger geschickt wurde? Wenn es zutrifft, dass seine Berufung zum Militärbischof der Preis für die Ernennung von Militärgeistlichen und damit für die Sicherung der Militärseelsorge überhaupt gewesen sei, dann heißt das ja wohl, dass der Vatikan die Gewährleistung der Institution Militärseelsorge für wichtiger gehalten hat als die konkrete Ausfüllung dieser Seelsorgeeinrichtung. Vielleicht hegten die Verantwortlichen die Hoffnung, dass kluge Militärpfarrer das Defizit eines unzulänglichen Bischofs ausgleichen würden. -

Über die Personalfrage hinaus muss aber auch die grundsätzlichere Frage nach der theologischen Begründung und Rechtfertigung einer institutionalisierten Militärseelsorge gestellt werden. In der Apostolischen Konstitution „Spirituali militum curae" vom 21. April 1986 - dem Rahmengesetz für die Militärseelsorge im gesamten Bereich der römisch-katholischen Kirche - heißt es, die katholische Kirche habe für die Militärseelsorge "stets mit außerordentlicher Bedachtsamkeit Sorge getragen“. Für die Um- und Weitsicht der römischen Kurie in diesem sensiblen Bereich der Pastoral gibt es Belege. So wurden schon 1933 in einem Geheimanhang des Reichskonkordats Regelungen für die Fälle der "Umbildung des gegenwärtigen deutschen Wehrsystems im Sinne der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht" und einer allgemeinen Mobilmachung" getroffen." Die Verletzung des Friedensvertrags von Versailles durch die Reichsregierung wurde vom Vatikan offenkundig bewusst in Kauf genommen. Fast 20 Jahre später - im Dezember 1951, gut 4 Jahre vor Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht - erhielt der ehemalige Feldgeneralvikar der Deutschen Wehrmacht, Georg Werthmann, vom Apostolischen Nuntius in Bonn - ebenfalls unter Geheimhaltung - den Auftrag, eine "Denkschrift" über die Struktur der "Seelsorge an neu aufzustellenden deutschen, kasernierten, militärischen Einheiten" zu erarbeiten, die er innerhalb weniger Wochen erstellte und dem Nuntius Ende Januar 1952 in nur dreifacher Ausfertigung - für den Apostolischen Nuntius selbst, den Apostolischen Stuhl und Kardinal Frings - übersandte. Es gibt also durchaus Beispiele dafür, dass die Kurie in der Lage ist, frühzeitig bestimmte Entwicklungen zu erkennen und sich darauf einzustellen. -

An zwei Beispielen sei noch dargetan, dass es sich bei der hier aufgezeigten Problematik nicht nur um ein deutsches Problem handelt und dass auch nach dem Zweiten Weltkrieg noch erheblicher Klärungsbedarf bei der Frage nach dem Verhältnis von Kirche und Krieg besteht.

Im November 1966 erschien ein gemeinsames Hirtenschreiben der amerikanischen Bischöfe, in dem sie zum militärischen Engagement der Vereinigten Staaten in Vietnam ausführten: "Wir können mit gutem Gewissen den Standpunkt unseres Landes unter den gegenwärtigen Umständen teilen." Darüber hinaus erklärte Kardinal Spellman 1966 bei seinem Weihnachtsbesuch von Soldaten in Vietnam: "Ich glaube, dass Ihr unter diesen Umständen nicht nur Eurem Land dient, sondern Ihr dient auch Gott, weil Ihr die Sache der Gerechtigkeit, die Sache der Zivilisation und die Sache Gottes verteidigt." Fast 30 Jahre später gestand einer der Hauptverantwortlichen für diesen Krieg, Robert McNamara: "Wir haben auf eine Art und Weise gehandelt, von der wir dachten, dass sie den Prinzipien und Traditionen unseres Landes entspricht. Wir haben uns furchtbar geirrt." Sowohl Militärs als auch Politiker hätten die "Natur des Konflikts" nicht erkannt; die US-Regierung habe nicht begriffen, dass ihre Strategie nicht ihren Zielen diente: sie habe "einen schrecklichen Fehler" begangen. - Über drei Millionen Tote, ein auf lange Zeit verwüstetes und vergiftetes Land, unübersehbare Folgeschäden - Folgen eines Irrtums von "Realpolitikern" der Regierung eines demokratischen Staates, die zumindest zeitweise die Unterstützung von Führungskräften der katholischen Kirche fanden. -

1982 haben argentinische und britische Bischöfe im Falkland-Konflikt um ein paar Inseln im Süd-Atlantik die Maßnahmen ihrer jeweiligen Regierung gerechtfertigt und sich hier wie dort "zur patriotischen Hilfstruppe ihrer Nation" gemacht. Auch hier haben nicht Friedensethik und -theologie kirchliches Denken und Handeln bestimmt, sondern nationale Interessen und Engstirnigkeit, die manchmal stärker zu sein scheinen als der gern zitierte katholische Universalismus. Orthodoxie ist keine Garantie gegen patriotisch bedingte Blickverengung. -

Wenn heute in über 40 Staaten eine katholische Militärseelsorge mit einigen Tausend haupt-und nebenamtlichen Militärgeistlichen - in fast allen Staaten mit Offiziersrang - eingerichtet ist, dann müsste die Kirchenleitung sich eigentlich bewusst sein, dass diese Staaten - nicht zuletzt als Gegenleistung für die investierten Gelder - erwarten, dass die Militärseelsorge die Institutionen Militär und Staat stabilisiert und die Auftragserfüllung der Streitkräfte ebenso unterstützt wie ihre Kampfkraft. Es ist nicht zu erkennen, dass über dieses Thema in der katholischen Kirche - außer in einigen kleinen Gruppen in Deutschland - diskutiert wird, obwohl die Problematik der Verflechtung von staatlichen und kirchlichen Interessen und die Gefahr einer Indienstnahme der Kirche durch Staat und Militär - nicht nur in einigen Staaten Latein- und Mittelamerikas - offenkundig ist. Zwar ist in der Bundesrepublik Deutschland unter vertragsrechtlichem Aspekt eine größtmögliche Unabhängigkeit der Militärseelsorge gewährleistet - was nicht zuletzt ein Verdienst des in diesem Bereich erfahrenen Georg Werthmann ist! -, und solange die Aufgabe der Bundeswehr in der Kriegsverhinderung und ggfs. in der Landesverteidigung bestand, konnte die Militärseelsorge ethisch legitimiert werden. Doch die über viele Jahre weithin fraglos akzeptierte Bundeswehr (und mit ihr die Militärseelsorge) bedarf seit 1989 einer neuen Begründung.

Nach den "Verteidigungspolitischen Richtlinien" für den Geschäftsbereich des Bundesministers der Verteidigung vom 26. November 1992 ist Deutschland "heute ausschließlich von Verbündeten und befreundeten Partnern umgeben". Auf der Suche nach neuen Begründungen für ihren Bestand fanden die Militärs als neue Aufgaben u. a. die Aufrechterhaltung des freien Welthandels und des ungehinderten Zugangs zu Märkten und Rohstoffen in aller Welt im Rahmen einer gerechten Weltwirtschaftsordnung". Können und dürfen die Militärseelsorger auch unter dieser neuen und höchst problematischen AufgabensteIlung weiterhin so uneingeschränkt und fraglos in der Bundeswehr ihren Dienst verrichten wie bisher? Muss in der Öffentlichkeit nicht der Eindruck entstehen, dass "die Kirche" durch ihre Präsenz in Gestalt der Militärseelsorger sämtliche militärischen Aktivitäten im Voraus legitimiere? Muss in Zukunft nicht - im Unterschied zur Zeit des "Kalten Krieges" - von Fall zu Fall geprüft werden, ob ein Einsatz von Bundeswehreinheiten ethisch vertretbar und darum auch eine seelsorgerliche Begleitung der Soldaten zu verantworten ist? Oder sollte eine solche Prüfung im Vertrauen auf das Verantwortungsbewusstsein einer demokratisch legitimierten Regierung seitens der Kirchenleitung für überflüssig erachtet werden? Es sieht nicht so aus, dass die katholische Öffentlichkeit zu einer Diskussion dieser Fragen bereit ist.

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Hier weiter auf Seite 132 desselben Buches: [Die Zitate aus den Traueranzeigen haben wir anders formatiert als im Original]:

Neben den Hirtenbriefen geben die Todesanzeigen für im Krieg gefallene Priester im Verordnungsblatt des Feldbischofs eine kirchenamtliche Deutung ihres Sterbens:

  • "Zusammen mit den deutschen Soldaten, die ihr Herzblut für Führer und Vaterland gaben, taten diese Kriegspfarrer ihre Pflicht bis in den Tod. Mehr kann niemand tun. Ihr Opfertod für Deutschlands Freiheit und Größe war nicht ein Versinken im Nichts, sondern der Introitus für ein ewiges Leben in Gott ... " (5. Juli 1940);
  • "...in Ausübung ihrer Pflicht für Führer und Vaterland von uns gegangen" (1. Oktober 1940);
  • "Opfertod für das deutsche Vaterland" (21. April 1941);
  • "Im Kampf gegen den russischen Bolschewismus setzte er seine ganze Kraft in den Dienst seiner Soldaten ... , der sein Leben ließ für Führer, Volk und Vaterland";
  • "der im Kampf für Großdeutschland und seine Freiheit sein Herzblut vergossen hat" (29. Juli 1941);
  • "... Mitbrüder, die ihre Hingabe an Führer, Volk und Vaterland in höchster Bewährung besiegelten" (15. November 1941);
  • "... haben durch ihren Tod an der Ostfront ihre Treue zu Führer, Volk und Vaterland im besten Mannesalter besiegelt" (10. Februar 1942);
  • " ... seinem priesterlichen Berufsideal und seinem Eide auf den Führer und Obersten Befehlshaber der Wehrmacht treu geblieben" (15. April 1942);
  • „Priestertod für das deutsche Vaterland" (15. September 1942);
  • "seine Treue zu Führer, Volk und Vaterland mit dem Herzblute besiegelt" (15. Oktober 1942);
  • "der seine Treue zu Führer, Volk und Vaterland mit der Hingabe des Lebens besiegelt hat" (15. November 1942);
  • ... fand der Priester J. P. "den Heldentod" (15. Januar 1943);
  • "getreu ihrem Fahneneide, ihr Leben für das Vaterland hingegeben" (1. März 1943).

Während der Tod der Soldaten für Führer, Volk und Vaterland in Predigten und Todesanzeigen verharmlost, idealisiert und verklärt wurde, trieben andere Deutsche Tausende und Abertausende von Menschen, die von den Machthabern als „Lebensunwert" oder als "minderwertig" deklariert worden waren, in die Gaskammern. Der Feldbischof aber schreibt, dass die "deutsche Soldatenseele" in der "Auseinandersetzung mit dem bolschwistischen Untermenschentum ... vor aller Entartung und Erniedrigung bewahrt" bleibe (15. August 1942).

Die an den Fronten ihr Leben vermeintlich für das "Vaterland" einsetzten und hingaben, haben faktisch das Funktionieren der Vernichtungsmaschinerie der Konzentrationslager ermöglicht. 107 Und wer als Bischof oder als Seelsorger zu solcher Lebenshingabe aufgefordert und ermutigt hat, hat - wenngleich wider Willen - real zur Aufrechterhaltung dieses Systems beigetragen.