Dr. Herbert Koch, Wolfsburger Superintendent i.R.

„… allem Kriegerischen entgegengesetzt“ – Das Neue Testament und die Militärseelsorge

Der hauptsachliche Bezug der Kirchen zum militärischen Bereich besteht in der Gegenwart in der Institution der „Militärseelsorge“. Im Blick auf diese besondere und traditionsreiche Hinwendung der Kirche zum Militär und die ethischen Fragestellungen, die sich damit verbinden, ist zunächst eine wichtige Markierung festzuhalten: Um das Neue Testament als wesentliche Orientierungsgrundlage von Theologie und Kirche ist auch in diesem Zusammenhang nicht herum zu kommen. Was dort zu finden ist, gibt aber schon für die bloße Existenz des Militärischen keinen Begründungszusammenhang her und damit auch unmittelbar keine Antwort auf die Frage, ob und – wenn ja – wie man als Christ Soldat sein kann.

Insbesondere die Verkündigung Jesu, seine Ansage und Charakterisierung des Gottesreiches, das er als schon angebrochen herbeigekommen sieht – diese Botschaft ist so beschaffen, dass Kriegsvorbereitung und Kriegsdienst als überhaupt mögliche Themen von vornherein nicht in Frage kommen. Denn wo Menschen sich auf die Herrschaft Gottes ernsthaft einlassen, da gilt, dass der Teufelskreis der Gewalt zu durchbrechen ist. „Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen“ (Matthaus 5,9).

Entsprechend aufwändige Mühe machte es deshalb im Jahr 1914 nicht wenigen Repräsentanten von Kirche und Theologie, die auch kirchlich sehr verbreitete Begeisterung für den als gottgewollt angesehenen Kriegsausbruch mit dem Neuen Testament überein zu bringen. Worauf sich jedoch zumindest im Protestantismus nicht einfach verzichten lies angesichts des reformatorischen „sola scriptura“-Anspruchs, der offiziell allein die Bibel als die allein maßgebliche Erkenntnisquelle gelten lasst und dabei dem Neuen Testament noch eine besondere Bedeutung zuspricht.

Wie lasst sich dennoch – in damaliger Sprache ausgedruckt – ein christlicher „Kriegerstand“ begründen? Wo erst im Jahre 1905 aus der Feder des hoch angesehenen Kirchen- und Dogmenhistorikers Adolf von Harnack eine Untersuchung mit dem Titel „Militia Christi“ erschienen war, deren Untertitel lautet: „Die christliche Religion und der Soldatenstand in den ersten drei Jahrhunderten“.

Darin heißt es zur frühchristlichen Auseinandersetzung mit der Frage, ob es überhaupt möglich sei, als Christ auch Soldat zu sein: „Spruche Jesu wiesen in eine ganz andere Richtung, und die Natur des Evangeliums selbst, wie es die erste Generation verstehen musste, erschien allem Kriegerischen entgegen gesetzt“.

Diese historisch-exegetische Feststellung ist zweifellos zutreffend. Als im selben Maße unzutreffend erwies sich dagegen Harnacks Aussage, den protestantischen Kirchen liege „das militärische Element ganz fern“. Vielmehr entdeckten die Kirchen beider Konfessionen 1914 geradezu schlagartig die geistig-moralische Kriegsrüstung als eine spezifisch kirchliche Aufgabe. Von diesem Zweck beflügelt fand man auch bei der Auslegung des Neuen Testaments zweckdienliche Mittel und Wege. Wichtigste Bibelstelle wird dabei das vom Johannesevangelium Jesus zugeschriebene Wort: „Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lasst für seine Freunde“ (Joh. 15,13). Im Johannesevangelium ist dieses Wort natürlich auf das Schicksal Jesu bezogen. Es aus diesem Zusammenhang herauszulosen und in den der Opferbereitschaft des Soldaten im Kriegsfalle zu übertragen zwecks deren religiöser Überhöhung, ist folglich ein Willkürakt, mit nichts begründbar, aber 1914 eben opportun. Denn was in diesem Jahr auch die kirchlichen Gemüter zutiefst bewegte, entsprach ganz dem, was etwa der Dichter Richard Dehmel in die Verse gegossen hat:

„Was sind Hab und Gut zum Leben?
Alles Dinge, die vergehn!
Dass wir vor Begeisterung beben
Wenn wir uns zum Kampf erheben,
Das wird ewig fortbestehn,
Das will Gott!“

Zum Ur- und Vorbild des opferbereiten Kriegers wird in diesem Kontext der freiwillig sein Leben am Kreuz hingebende Jesus. Und die Theologen wissen auch zu sagen, inwiefern man sich nicht dadurch irritieren lassen muss, dass das im Wortsinne Unerhörte, das zu diesem Kreuzigungsurteil geführt hat, insbesondere in der „Bergpredigt Jesu“ kulminiert. Worin sich ja unter anderem die Aufforderung zum Vergeltungsverzicht findet (Matthäus 5,38ff), wie auch die zur Feindesliebe »Gott mit uns« (5,43ff) und die Seligpreisung der Friedfertigen (5,9). Wortwörtlich, so sagt man, will Jesus mit alledem nicht genommen werden. Er wolle keine konkreten Handlungsanweisungen geben, sondern es gehe ihm ausschließlich um eine bestimmte Gesinnung. Mit anderen Worten: im Kriegsfalle auf die Feinde zu schießen, ist selbstverständlich erlaubt; nur hassen soll man sie nicht. Das wäre dann nicht im Sinne Jesu.

Auf dieser Basis war während der vier Jahre des Ersten Weltkriegs „im Felde“ wie an der „Heimatfront“ eine vielfaltig betriebene Kriegspredigt möglich, die selbst der profunde Verächter des Christentums Adolf Hitler in „Mein Kampf“ ruckblickend mit hoher Anerkennung der Erwähnung für wert hielt: „Ob protestantischer Pastor oder katholischer Pfarrer, sie trugen beide gemeinsam bei zum so langen Erhalten unserer Widerstandskraft, nicht nur an der Front, sondern noch mehr zu Hause.“ Die dazu dienende Kriegspredigt des am Kreuze dem Sühnetod hingegebenen Christus nutzt dieses christliche Zentralmotiv in einer doppelten Weise: Christus ist das Vorbild schlechthin an Opferbereitschaft und Opfermut und zugleich hat er damit die den Sünder erlösende Vergebung erworben. Auf die kann natürlich ganz besonders bauen, wer nach dem großen Vorbild Jesu Christi „sein Leben lasst für seine Freunde“.

Viel zu zweckdienlich – genauer: kriegsdienlich – ist das, als dass man dennoch zur Kenntnis nehmen konnte, dass man sich auf den Apostel Paulus für diese Art der Predigt durchaus nicht berufen kann, auch wenn in dessen Briefen das Kreuz Christi immer wieder im Mittelpunkt steht. Paulus gebraucht zwar des Öfteren militärische Bilder wie etwa im 1. Thessalonicherbrief, wo er vom „Panzer des Glaubens“ spricht und vom „Helm der Hoffnung auf das Heil“ (1. Thessalonicher 5,8), aber es ist dabei immer deutlich, dass es um eine geistige Ausstattung geht. Und die Richtschnur bei Konflikten in der christlichen Gemeinde lautet unzweideutig: „Zum Frieden hat euch Gott berufen“ (1. Korinther 7,15).

Schließlich ist Paulus ja mit der ganzen Generation der ersten Christen der Überzeugung, dass die Wiederkunft des auferstandenen Jesus zum Endgericht über die dann vergehende Welt unmittelbar bevorsteht. Die ersten Christen verstanden sich auch als die letzten. Der Stellenwert, den dies auch im Denken des Paulus einnimmt, ist hoch. Gegenüber Zweifeln, die entstehen, weil in den Gemeinden Menschen verstorben sind, bevor das große Ereignis eingetreten ist, greift er zu deutlichen Bekräftigungen: „Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden…“ (1. Korinther 15,51). In diesen Problemzusammenhang des möglichen Hinwegsterbens über die Wiederkunft Christi hinein gehört es auch, wenn Paulus im Romerbrief formuliert: „Leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir so sterben wir dem Herrn…“ (Römer 14,8). Wer „in Christus“ ist, bleibt auch in ihm. Und dies wird bald schon offenbar werden. Denn: „Unser Heil ist jetzt naher als zu der Zeit, zu der wir gläubig wurden“ (Rom. 13,11).

Fast zwei Jahrtausende später findet sich Paulus gleichwohl wieder bei Militärdekan a.D. Horst Scheffler, Leitender Wissenschaftlicher Direktor im Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Potsdam. In einem Vortrag nämlich, den er 2007 bei einem Festakt aus Anlass des 50-jahrigen Bestehens des Vertrages zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der EKD über die Militärseelsorge in der Bundeswehr gehalten hat. In seinen Ausführungen geht Scheffler auch auf die Auslandseinsatze der Bundeswehr seit den 90er Jahren ein und deren Begleitung durch Militärpfarrer. Selbstverständlich, so führt er aus, müsse sich die Militärseelsorge die Frage stellen, ob sie mit dieser Begleitung nicht „faktisch den Einsatz militärischer Gewalt legitimiere“.

Die Antwort darauf fällt quasi soldatisch aus: Die Hirten hatten bei ihrer Herde zu sein und durften sich nicht drucken, wenn es brenzlig werde. Als biblisches „Leitwort“ dazu, das schon in der Vergangenheit für die Militärseelsorge „programmatisch und identitatsstiftend“ gewesen sei, fuhrt Scheffler dann das berühmte Pauluswort an: „Das biblische Leitwort des Domini Sumus nach einem Satz des Apostels Paulus im Brief an die Gemeinde in Rom, `leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn, darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn´ (Römer 14,8), ziert und interpretiert nicht nur das alte (Spatenkreuz) und neue (einfache Kreuz) Signum der Militärseelsorge. Es erinnert – ebenso wie das Kronenkreuz als Signum der Katholischen Militärseelsorge – an die göttliche Königsherrschaft des auferstandenen Christus…“ (epd-Dokumentation Nr.10a/2007, S.20).

Es ist dies ein eklatantes Beispiel missbräuchlichen Umgangs mit der Bibel, indem man sie als einen beliebig zur Verfügung stehenden Zettelkasten benutzt. Das Pauluswort wird aus seinem unverkennbaren, ursprünglichen Zusammenhang herausgerissen und völlig willkürlich in einen neuen Zusammenhang transportiert, um in diesem als göttliche Legitimierung dessen zu dienen, was nun einmal opportun ist. Wo sich der Staat schließlich die Militärseelsorge auch sehr viel Geld kosten lasst. Wie weit ist man dabei eigentlich von dem „Gott mit uns!“ auf den Koppelschlossern der Soldaten zweier Weltkriege noch entfernt?

Dr. Herbert Koch, Wolfsburger Superintendent i.R.

Dieser Aufsatz ist wortgleich erschienen
- in „Ansätze, ESG-Nachrichten“ 1+2/2012, Link / Quelle.
- in „Querblick – Ökumenisches Netzwerk Initiative Kirche von unten“ Nov/2012

Fotos: Das Kreuz der Bundeswehr, das Kreuz des Deutschen Ordens, Logo unserer Initiative, ein Militärpfarrer auf einem Kriegsschiff.

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