Afghanistan: Was bedeutet der verlorene Krieg für die Militärseelsorge?

01.03.2021 11:49

Der Afghanistankrieg ist so gut wie verloren. Die Taliban werden gewinnen. Zusammen mit den USA hat auch Deutschland diesen Krieg verloren. Die Vertreter der Regierung bemühen sich zwar, das Gesicht zu wahren. Die Wahrheit ist aber: Der Afghanistaneinsatz war erfolglos und sinnlos – genauer gesagt: kontraproduktiv.

  • Umsonst gestorben sind (bis jetzt) 59 deutsche Soldaten und über 100.000 andere Menschen.
  • Umsonst ausgegeben wurden pro Jahr ca. 1.000.000.000 Euro deutsche Steuergelder.
  • Umsonst wurde das Verhältnis zwischen westlicher und muslimischer Welt weiter belastet.
  • Umsonst wurden natürliche Ressourcen verschwendet.

Mich als Kirchenmitglied ärgert, dass die beiden großen Kirchen diesem Bundeswehreinsatz nie widersprochen haben. Weder die "Deutsche Bischofskonferenz" noch der "Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland" hat jemals ein deutliches NEIN zu diesem Militäreinsatz gesagt.

Die Militär-Geistlichen beider Konfessionen begleiteten die Soldaten*innen bald 20 Jahre lang dienstbeflissen nach Afghanistan. Die Soldaten wurden durch Kirchen-Vertreter geistlich begleitet und sozial unterstützt. Es wurde nicht bekannt, dass auch nur ein einziger Militärpfarrer seine Soldaten aufgefordert hat, den Dienst zu quittieren.

Die beiden großen Kirchen rechtfertigen, begleiten und unterstützen den Militäreinsatz auf allen Ebenen - bis heute. Dies ist nicht nur peinlich und eine Blamage; sondern vor allem war es ein Irrweg! Die Kirche hat wieder einmal auf das falsche Pferd gesetzt, nämlich auf militärische Methoden.

Man kann bei dieser Kritik nur zwei leitende Geistliche ausnehmen: Die frühere EKD-Ratsvorsitzende Margot Käßmann sagte am 1. Januar 2010 in Dresden: "Nichts ist gut in Afghanistan." Und der frühere Pax-Christi-Präsident Bischof Heinz Josef Algermissen machte mehrmals darauf aufmerksam, dass der Militäreinsatz in Afghanistan "gescheitert" sei (19. Januar 2010). Algermissen: "Der Krieg ist nicht zu gewinnen" (18. Januar 2011).

ZUSAMMENFASSUNG: Die Kirchen haben dem Bundeswehreinsatz in Afghanistan nie deutlich widersprochen. Die großen Kirchen sollen diese Schuld nun – angesichts des verlorenen Krieges - erkennen, öffentlich eingestehen und umkehren! Die Umkehr soll darin bestehen, dass die Kirchen sich verpflichten, fortan bewaffneten Auslandseinsätzen zu widersprechen.

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NICHTS IST GUT IN AFGHANISTAN
Wer erinnert sich noch an diesen Satz aus der Neujahrspredigt 2010 von Bischöfin Margot Käßmann? Was gab es für einen Aufschrei in den Medien! Wie höhnten Journalisten, dass da eine Kirchenfrau Protest äußerte, wo doch die politische und militärische Elite verkündete, in Afghanistan würde "unsere Freiheit" verteidigt. (Was die Älteren unter uns schon in den sechziger Jahren im Vietnamkrieg hörten.) Außerdem sei die NATO unbesiegbar! Jetzt steht in unserer braven Lokalzeitung ein kleiner Kommentar unter der sensationellen Überschrift "Kapitulation": Die USA wollen ihren Krieg in Afghanistan beenden (siehe Südwestpresse Ulm, 12.08.2020, Seite 2, Kommentar „Kapitulation“). Ich könnte nun triumphieren nach dem Motto "Das habe ich von Anfang an gesagt." Und weniger berühmt als die ehemalige Ratsvorsitzende der EKD bekam ich immer zu hören: "Schuster, bleib bei Deinem Leisten. Was geht das einen Pfarrer an?" Nein, ich triumphiere nicht, weil ich an die sinnlosen Opfer denke, die dieser Krieg produziert hat. Da sind mindestens 100.000 Zivilisten, also Männer, Frauen und Kinder getötet worden. So genau hat keiner gezählt. Seit 2001 starben 1.800 US-Soldaten. Allein die USA hat dieser sinnlose Krieg mindestens 1.000 Milliarden Dollar gekostet. Damit hätte man jedem Afghanen eine lebenslängliche Pension zahlen können. Oder das Land wirtschaftlich aufbauen, denn das Bruttoinlandsprodukt beträgt 20 Milliarden US-Dollar im Jahr. Nun zieht man wohl ehrlos ab wie seinerzeit die Briten und Russen, aus deren Niederlagen man überheblicherweise nichts lernen wollte. Von der deutschen "Verteidigungsministerin“ habe ich noch nichts gehört. Was wird sie den Angehörigen der toten deutschen Soldaten sagen? Was den oft traumatisierten jungen Veteranen der Bundeswehr, die mit anderen Verbündeten in diesen aussichtslosen Krieg geschickt wurden. Wer von den verantwortlichen Damen und Herren aus der Politik wird sich den Anklagen stellen? Angela Merkel vielleicht? Und die Kirche? Wird es wieder wie üblich hinterher ein "Schuldbekenntnis" geben, dass man nicht deutlicher den Mund aufgemacht hat? Dass man die nötige Friedensarbeit nicht kräftiger in die Gesellschaft getragen hat? Was wird die Militärseelsorge von sich geben, die den ganzen Irrsinn dienstbeflissen begleitet hat? Ich klage mich selbst an, dass ich über die Jahrzehnte müde geworden bin. Dass ich Angst hatte, mit meinen Antikriegspredigten die letzten Kirchgänger zu vergraulen. Dass ich keine Lust hatte, immer wieder dasselbe Thema ein zubringen. Immerhin kann ich sagen, dass ich keine Kriegspartei gewählt habe. Schon lange nicht mehr. 
Autor: Pfarrer i.R. (ehem. Ökumene-Referent in Bad Boll) Wolfgang Wagner, Rottenburg




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