Lindauer Zeitung LINDAU Donnerstag, 17. April 2014, von Ludger Möllers

„Ich bin der Papierkorb für alle!“

Militärpfarrer Balogh begleitet Soldaten in Westafrika – Ehemaliger Lindauer Geistlicher packt im Einsatz mit an.

KOULIKORO - Einen Mann wie Thomas Balogh können Bundeswehr-Soldaten bestens gebrauchen: kräftig, fit, einsatzbereit, auch bei 45 Grad im Schatten und 56 Grad auf dem Exerzierplatz der Offizierschule Koulikoro im westafrikanischen Mali. Die Männer und Frauen müssen dort ein Feldlazarett umbauen. Da wird jede Hand gebraucht. Auch die des katholischen Militärpfarrers, der gerne mit anpackt. Und sein Credo umsetzt: „Die Kirche muss dorthin gehen, wo die Menschen sind.“

Noch bis Mitte oder Ende Mai begleitet Balogh die Bundeswehr-Soldaten, die derzeit in Mali im Rahmen der von der Europäischen Union initiierten Mission malische Soldaten ausbildet. Für ihn ist es nach Erfahrungen in Afghanistan der zweite Einsatz. Seit sechs Jahren ist der 54-Jährige hauptamtlicher Militärseelsorger im Nordosten Deutschlands, in Neubrandenburg. Zuvor hatte der gebürtige Ravensburger Balogh nach Abitur, Studium und Promotion in Rom, Priesterweihe und Primiz 1987 in Ravensburg, etliche Jahre als Kaplan und Pfarrer im Bistum Augsburg gearbeitet. Auch in Lindau war der Geistliche tätig. „Und nun bin ich der Papierkorb für alle“, stellt er lakonisch in einer Arbeitspause fest.
 

Mancher wird zum Sensibelchen


Ein Pfarrer, der sich als Papierkorb bezeichnet? „Ja“, wiederholt Balogh, „denn gerade während eines Einsatzes hat der normale Soldat gar keine Möglichkeit, sich außerhalb des Dienstes auszusprechen.“ Tausende Kilometer von der Heimat und der Familie entfernt, können Probleme auftauchen, zu deren Bewältigung der Soldat aber Gesprächspartner benötigt. Stress mit den Kameraden, den Vorgesetzten, dem Partner. „Im Einsatz wird so mancher zum Sensibelchen!“ Dann steht der Pfarrer bereit: „Und zwar unabhängig von Konfessionen, Religionsgrenzen oder Überzeugungen.“ Auch spielt der Dienstgrad keine Rolle: „Als Pfarrer bist Du auf Augenhöhe mit dem Gefreiten wie mit dem General.“ Zwar hat die Truppe eigene Psychologen dabei.

 

Doch diese sind eben Offiziere und damit ihrem Dienstherren, der Bundeswehr verpflichtet: „Und wenn ein Soldat sich gegenüber dem Truppenpsychologen öffnet, ist dieser im Zweifel dazu verpflichtet, den Vorgang zu melden.“ Dann ergeben sich Konsequenzen. Der Pfarrer dagegen unterliegt dem Schweigegebot, vergleichbar mit dem Beichtgeheimnis: „Ich darf nichts weitersagen. Punkt.“ Bei den Soldaten kommt der Seelsorger gut an: „Die Kirche hilft dem Einzelnen, einfach mal runterzukommen“, lobt Stabsfeldwebel Volker Schöppel, „zum Beispiel während der Gottesdienste. Auch wenn man mit dem lieben Gott wenig an der Mütze hat.“ Der 47-Jährige aus dem fränkischen Veitshöchheim hat über 1000 Einsatztage, vor allem im Kosovo, hinter sich und weiß, wie belastend das Leben im Feldlager, in Gefahr und im monotonen Rhythmus sein kann: „Die Kirche bietet einfach Raum und Zeit.“ Manchmal sei ein Einsatz wie eine Klassenfahrt: „Man begegnet sich dauernd, ob man will oder nicht. Aber eben vier Monate lang!“


Gestandene Offiziere haben Angst
 

Als katholischer Priester, als Mann Gottes, ist Balogh während der Einsätze weniger gefragt, als Missionar schon gar nicht. Ab und an spendet er Sakramente. Bei Todesfällen dagegen muss er zu den Familien mitfahren und die schreckliche Nachricht überbringen: „Im Auto wird es dann immer

ruhiger, je näher wir dem Ziel sind“, berichtet er, „auch gestandene Offiziere haben Angst vor solchen Gesprächen.“ Dann komme immer der Spruch: „Herr Pfarrer, können Sie bitte übernehmen, Sie haben doch mit so was Erfahrungen.“ Balogh übernimmt dann...

Wie bleibt ein überzeugter Priester wie Thomas Balogh im Einsatz seiner Berufung treu? In Neubrandenburg sind nur zwei Prozent der Menschen Katholiken. Eine Gemeinde, die den Priester mitträgt, fehlt dort wie auch im malischen Koulikoro. Balogh hat seine persönliche Antwort

gefunden: Auf seinem Schreibtisch liegt ein kleiner Rosenkranz: „Neulich kam ein Soldat zu mir und bezeichnete sich als Atheist“, berichtet der Pfarrer. Der Soldat habe ihn gebeten, für seine kürzlich verstorbene Großmutter zu beten: „Das war ihm wichtig, er selbst konnte aber nicht beten.“ Manchmal sei er als Priester gefragt. An Ostern wird Balogh im Camp Koulikoro mit Soldaten aus allen 23 Nationen die Osternacht feiern: morgens um 6 Uhr, wenn die Sonne über dem Niger aufgeht. Er gibt sich keinen Illusionen hin, warum die Soldaten mitfeiern werden: „Für den Amerikaner ist Jesus in der Wüste wichtig, für den Deutschen die Musik, das Ergreifende, das Erhabene.“ Das aber sei Kirche: „Wir gehen zu den Menschen, erst in der Osternacht, danach

beim Aufbau unseres Krankenhauses!“

Infokasten: Bundeswehr bildet in Mali aus Militärpfarrer Thomas Balogh begleitet die heute 100 und künftig 150 Bundeswehr-Angehörigen, die im westafrikanischen Mali an der European Training Mission Mali (EUTM Mali) teilnehmen. Sie beteiligen sich gemeinsam mit weiteren 300 Soldaten aus 22 europäischen Ländern an der Ausbildung  und Beratung malischer Streitkräfte. Kampfeinsätze in dem von islamistischen Rebellen terrorisierten Staat sind nicht geplant. Die malische Armee kämpft im Norden des Wüstenstaats gegen islamistische Rebellen. Diese hatten nach einem Militärputsch 2012 große Teile Malis unter ihre Kontrolle gebracht. Durch eine Intervention französischer und afrikanischer Truppen wurden sie weitgehend zurückgedrängt, es kommt aber immer wieder zu Anschlägen. Ein Großteil der deutschen Soldaten kommt aus der Deutsch-Französischen Brigade. Der Einsatz in Mali ist der erste EU- und der erste Afrika-Einsatz der Brigade. (dpa/mö)

 Fotos (1) : Im Einsatz: Der aus Ravensburg stammende katholische Militärpfarrer Thomas Balogh, derzeit mit der Bundeswehr in Mali unterwegs, deutet auf den Berg, auf dem er die Ostermesse halten wird. Auch in Lindau war der Geistliche einmal tätig.

Foto (2): Der aus Ravensburg stammende katholische Militärpfarrer Thomas Balogh (rechts) packt an, wo es nötig ist, beispielsweise beim Aufbau eines Feldkrankenhauses. FOTOS: LUDGER MOELLERS